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Der Traditionelle

Neulich, an- bis betrunken in der Schlange vor einer Kneipe, traf ich einen Bekannten. Einer dieser Menschentypen, die Sätze in den Raum hauen wie "Abtreibung sollte verboten werden" und meinen, damit sei alles gesagt, weil sie nun mal überzeugte Christen* (*hier beliebige Religion einsetzen) sind. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich mir äußert gerne mit solchen Menschen verbal die Köpfe einschlage (über sämtliche explosive Themen wie Abtreibung bis hin zum Adoptionsrecht für Homosexuelle), aber an diesem Abend, in dieser Minute als man sich durch den Schleier des Suffs gerade noch genug erkannte, um sich zu grüßen, hatte ich andere Fragen.

Glaubst du wirklich an Gott? Wie fühlt sich das an?

Wen sollte man danach wohl eher fragen als den eben genannten Menschentyp, wenn weder Pfarrer noch Pastor noch sonstwer, der Glauben zu seinem Beruf gemacht hat, zur Stelle steht? Von Abtreibungsgegnern lasse ich mich zum Thema Abtreibung** niemals bekehren, aber was Gott oder vielmehr das Glauben anbelangt, bin ich ein weißes Blatt, das sich danach sehnt, endlich Worte zu tragen. Klingt irgendwie total pathetisch. Aber (Achtung, ich setze noch einen drauf) - was ist Glauben sonst, wenn nicht total pathetisch?
Nunja. Er kam mir mit Ausflüchten, halbgarem So-lala-Kram, konnte mir nichts genaues antworten. Ja, sagte ich, aber wenn man an Gott glaubt, dann muss man es doch fühlen, oder nicht? Fühlst du denn nichts, irgendwie, ein bisschen?
Selbst wenn ich betrunken bin, kann ich die Stimmungen der Menschen noch fast so gut einschätzen wie wenn ich nüchtern bin. Ihm war das in diesem Moment ziemlich unangenehm. Das hätte auch jemand mit kleineren Antennen als meinen bemerkt.
Es ist halt mehr so Tradition, weißt du, antwortete er. Antwortete mir der - aufgrund seiner Religion - überzeugte Abtreibungsgegner und Homoehen-Feind (der übrigens einer Gemeinde angehörte, die u.A. die Überzeugung vertrat, Hausarbeit sei allein Frauensache. Ist halt -)
Mehr so Tradition. Durch die Eltern, durch die Großeltern, so kommt man da eben rein.
Ich war und bin nach wie vor enttäuscht. Und um ehrlich zu sein, kann ich diesen Bekannten nun noch weniger ernst nehmen als ich es sowieso schon getan habe. Ist nicht gerade Tradition etwas, das man mit der Zeit hinterfragen sollte, um dann sich selbst beantworten zu können, ob man nun an das glauben kann, was einem gepredigt wurde, oder eben nicht? Ausbrechen, um zurückzukommen oder für immer zu gehen?
Zum besseren Verständnis an dieser Stelle noch einmal: es geht mir nicht um das Praktizieren des Glaubens, es geht mir genau genommen um keinerlei Konsequenz daraus - lediglich um das Gefühl.
Ich fand seine Antwort deprimierend, es spiegelte genau das wieder, was ich bis dahin von allen angeblich Gläubigen gedacht und mitbekommen habe. Letztendlich kann mich keiner überzeugen, weil keiner wirklich selbst überzeugt scheint. Wenn es um Überzeugungen innerhalb der weltlichen Konflikte geht, da können sie alle ihre Fackeln und Mistgabeln schwingen, aber wenn ich sie nach ihrem Glaubensgefühl frage, da spüre ich nicht einmal die kleine Flamme einer Kerze.
Auf dem Nachhauseweg erzählte ich meinem Freund davon und er erzählte mir von einer Geschichte, die er vor kurzem gelesen hatte. Irgendwas mit einem Ur-ur-ur-Großvater, der immer an einem speziellen Baum im Wald betete. Sein Sohn wollte später auch dorthin zum beten, er fragte die Leute im Dorf, doch er fand den Baum nicht, also betete er vor dem Wald. Sein Nachkomme widerrum fand den Wald nicht, aber das Dorf, also betete er dort. Dessen Sohn fand das Dorf nicht, aber jemand konnte ihm das Gebet sagen. Und sein Sohn suchte das Dorf und das Gebet und fand beides nicht und fragte Gott dann, was er tun sollte und Gott antwortete: Das ist schon genug. Pointe war dann letztendlich: Gott ist bei den Suchenden.
Hm.
Ist doch scheiße! Ist ja alles schön und gut, aber ist doch scheiße! Das ist dieser hausgemachte Unsinn, mit dem man Groß und Klein abspeist, wenn die Fragen mal wieder zu schwierig werden.
Der Mensch braucht Gleichgesinnte, um mit ihnen das Fundament seines Glaubens auszubauen. Habe ich mal gelesen. Aber ich suche keine Gleichgesinnte, die wie ich auf einem Drahtseil balancieren, das sowieso zum Reißen verurteilt ist. Ich will kein Blabla, keine Bibelzitate, keine wohlgewählten Worte. Ich suche den einen Menschen, der mir sagen kann wie sich sein Glauben anfühlt. Ich vertrete selbst den Standpunkt, dass eine Diskussion zwischen Atheisten und Gläubigen unnötig ist, da sie sich niemals von ihrer gegenseitigen Meinung überzeugen können. Glauben ist wie Lieben, entweder tut mans oder eben nicht.
Jajaja, Liebe kann man nicht beschreiben, Glauben also auch nicht?
Fragt mal eine frisch verliebte Person wie sich Liebe anfühlt. Selbst wenn sie es euch nicht in Worten beschreiben kann, werdet ihr es ihr ansehen können.
Das will ich. Ich will den Menschen finden, der genau so empfindet, wenn es um Gott geht.
Aber "mein" Traditionalist war es nicht. Also geht die Suche weiter. Falls mir Gott wirklich dabei zusieht - ein herzliches Hallo! Wäre schön, wenn du dich mal blicken lässt.


Die Blasphemistin




(**pro choice - schon immer und für immer!)
30.8.14 16:51
 


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